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01.01.2026

Januar 2026

5.Mose 6,5: "Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller
deiner Kraft!"


Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, fragte mal einen Offizier, den er gerade zusammengefaltet
hatte, wie er zu ihm stehe. Die Antwort war: "Majestät, ich fürchte Sie." Der König brüllte: „Er soll mich
aber lieben!“.
Haben wir es bei diesem Gebot mit der Forderung eines unberechenbaren Königs zu tun, oder mit
der Einladung eines schenkenden Gottes? Der Bund am Sinai beginnt ja mit der Vorstellung des
Befreiers. Jeder im Volk war Zeuge dieser Befreiung, und jeder wusste auch ganz genau, wovon Gott
ihn befreit hatte – auch die, die hinterher nach den „Fleischtöpfen Ägyptens“ schrien. Worauf die
Erwählung hinauslaufen sollte, war noch nicht klar, aber da der Erwähler sich schon als der Befreier
offenbart hatte, bestand doch Grund zum Vertrauen, spätestens nach der Geschichte am Schilfmeer.
Das 5. Buch Mose steht am Ende der Wüstenwanderung. Israel blickt also auf eine lange, schwere
Zeit zurück, aber eben auch auf eine Zeit, zu der Gott sagen konnte: Habe ich dich auch nur einen Tag
nicht versorgt? Sind dir auch nur einmal die Schuhe kaputt von deinen Füßen gefallen? Habe ich dich
ein einziges Mal nicht vor deinen Feinden geschützt?
Die Treue Gottes setzte sich sogar über die Tatsache hinweg, dass sein Volk ihm nicht glaubte. Er blieb
in Wolken- und Feuersäule gegenwärtig. Gott schenkte seinem Volk soviel Zuwendung, wie seine
Heiligkeit zuließ, ohne dass jemand sterben musste; das Zelt der Begegnung war da. Ist das Gebot
dann eine Forderung oder eine Aufforderung, auf Gottes Wesen zu antworten?
Tatsächlich beansprucht Gott uns ganz. Das Bild für diese Beziehung ist die Ehe. In der Ehe kann man
auch lernen, was die Bibel mit „heilig halten“ meint. Diese Beziehung ist in jeder Hinsicht eine
einzige und duldet nichts nebenraus.
In modernen Gemeinden und ihrer Verkündigung wird die Beziehung zu Gott oft als Lifestyle-Produkt
vermarktet, das Nützliches zu meiner Selbst-Optimierung beitragen soll, Heilung z.B. Wir drehen das
„Du sollst“ rum und richten es an Gott: Du sollst meine Erwartungen erfüllen. An dieser Stelle setzt
der Konflikt um Hiob an. Der Satan wirft Gott vor: Du kaufst dir den Hiob doch. Es erweist sich aber,
dass Hiob echt ist.
Helmut Thielicke sagte, Glauben heiße, Gott um seiner selbst willen zu suchen, nicht wegen der
Pfennige in seiner Hand. Weil er Gott ist, handelt er an uns; weil er Gott ist, schenkt er. Weil er Gott
ist, sollen wir ihn lieben und suchen. Das ist die ursprüngliche Beziehung der Freiheit, zu der er den
Menschen geschaffen hat.
„Du sollst ...“ klingt ja eher nach Fürchten, und so ist der Glaube auch lange Zeit verkündigt worden.
Die Imperative der 10 Gebote sind ja auch strikt. Sie leiten sich aber daraus ab, dass Gott am Volk
gehandelt hat, und dass er ist, der er ist. Genau darin liegt auch das „Du sollst“ der Ganz-Hinwendung
zu Gott begründet.
Jesus erklärt dieses Gebot zu einem der beiden Haken, an denen die Torah hängt. Alle Gebote haben
ihren Sinn in der Ganz-Hinwendung zu Gott, und diese hat ihren Grund darin, dass er ist, der er ist.