21. Dezember 2025
Jesaja 66,2: "Meine Hand hat alles gemacht, was da ist, spricht der Herr. Ich sehe aber auf den Elenden
und auf den, der zerbrochenen Geistes ist, und auf den, der erzittert vor meinem Wort."
Titus 3,4-5: "Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilandes, machte
er uns selig – nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit."
Gottes Optik
Seitdem wir alle mehr über unsere Wahrnehmung wissen, ist uns bewußter, dass wir Brillen
aufhaben. Die sind manchmal besser, manchmal schlechter geschliffen, z.B. ist die Liebe ein besserer
Optiker als der Hass. Umgekehrt: „Wer alles durch eine rosarote Brille sieht, für den sehen auch
Eisbären aus wie Himbären“ (FJ.Strauß).
Gottes Gleitsicht-Brille ist wohl eine sehr wundersame; sie nimmt alles gleichzeitig in den Blick,
fokussiert dabei aber Elende, Zerbrochene und Ehrfürchtige. Als Hersteller kommt hier sicher nur die
Firma Allmacht & Erbarmen GmuH in Frage. Und Erbarmen ist immer das Rädchen, das die Schärfe
einstellt.
Auch seinen Handlungsbedarf sieht Gott so, dass er durch Erbarmen scharfgestellt wird. Epiphanias
wurde es nicht, weil Gott die Anstrengungen der Menschen belohnen wollte, sondern weil er
Erbarmen mit ihrer Ohnmacht hatte. Deshalb schreiten seine Wesenszüge Freundlichkeit und
Menschenliebe zur Tat und werden Mensch.
Wie Jesus Menschen wahrnimmt, bildet genau den Blick Gottes ab. Das gilt, wo sie seine Heiligkeit
brauchen, und er bspw. die Tempel-Händler mit Seilen verdrischt. Das gilt aber vor allem,wo sie sein
Erbarmen brauchen, weil es keine Heilung vom Blutfluss gibt, oder die Tochter tot ist, wo ein „Lehrer
Israels“ Gottes Wort nicht versteht, oder eine ausgestoßene Frau „Wasser des Lebens“ braucht, oder
wo „Schafe keinen Hirten haben“.
Die Bezeichnung „Heiland“ die wir Luthers kreativer Präzision verdanken, hat hier eine besondere Bedeutung. Er wollte uns Germanen mehr als einen Retter vorstellen. Wir sollen Jesus als den „Gott-
Helden“ kennen, der Macht genug hat, den Kampf gegen Sünde, Tod und Teufel auszufechten und zu gewinnen. „Heil“ ist nichts weniger als das Resultat einer Schlacht, in der alle lebensfeindlichen
Mächte vernichtend geschlagen wurden, und der Feldherr dieser Schlacht ist der „Heiland“.
Wer diesem Heiland gehört, lebt eben in diesem Heil, das durch Zukünftiges nicht mehr in Frage
gestellt, ja, nicht mal mehr unterbrochen werden kann. Wer diesem Heiland gehört, lebt mit diesem
Erbarmer, der ihn mit scharf gestellter Brille vollkommen sieht.
